
ES IST NICHT LEICHT
Es ist nicht leicht, das soziale System zu verlassen.
Es war schon immer nicht leicht, weil immer andere Menschen daran beteiligt sind.
Immer bleibt irgendwo ein trauriger Mensch zurück.
Und doch ist es wahrscheinlich nötig.
Auch ich komme oft an diesen Punkt, wo ich mir denke: So, jetzt raus aus diesem System.
Aber dann sind da die Menschen, die ich zurück lasse.
Ich arbeite zur Zeit in der Jugendarbeit und betreue Kinder und Jugendliche, die in einer Wohngruppe wohnen.
Diese Kinder könnte ich natürlich einfach zurück lassen und einen anderen Weg gehen.
Aber es ist nicht einfach.
Da hängt so viel dran.
Da hängt so viel Mist dran, der durch dieses System erst geschaffen wurde.
Und jeder, der in einem sozialen Beruf tätig ist, weiß, wie schwer es sein kann, aus diesem System auszusteigen. Und wenn es nur teilweise ist. Selbst die Einstellung zu ändern ist schwer.
Klar könnte ich denken: Ich mach mir jetzt nicht mehr so viel Stress und lehne mich zurück.
Aber dann klopft der nächste Jugendliche an die Tür und braucht meine Hilfe, weil er in diesem System nicht alleine klarkommt.
Und so geht es nicht nur in der Betreuung. Der gesamte soziale Bereich geht langsam den Bach hinunter. Ärzte, Pfleger, Rettungskräfte, Betreuer, Erzieher, Sozialarbeiter, Polizisten, Lehrer und zum Teil auch die Kräfte vom Jugendamt. Alle sitzen im gleichen Boot.
Und dieses Boot geht langsam und sicher unter.
Das Problem ist, dass es wahrscheinlich untergehen muss.
Sonst verändert sich nichts.
Aber das wird hart.
Es werden Menschen verletzt und es werden Menschen dabei sterben.
Das ist klar.
Aber es muss wahrscheinlich trotzdem so sein.
Erst wenn man dieses System komplett neu aufbaut, hat man die Chance es zu retten.
Und weil niemand Interesse hat, dieses System zu retten, muss es wahrscheinlich erst untergehen.
Die Kinder werden nicht mehr betreut, die Kranken nicht mehr gepflegt, die Verbrecher nicht mehr gejagt und das Feuer nicht mehr gelöscht.
Und wir sind komplett auf dem Weg dorthin.
Niemand möchte diese Jobs noch machen.
Weil sie kein gutes Image haben.
Weil sie unterbezahlt sind.
Weil die Welt so tut, als könnten wir alle Influencer und StartUp-Gründer sein.
Und ja, lasst es uns ausprobieren. Schmeißt alle hin, die einen sozialen Beruf haben.
Aber es ist nicht leicht.
Es ist nicht leicht, das soziale System zu verlassen.